Wenn unterschiedliche Stakeholder Zukunft verhandeln
Ausgangssituation
Ein gesellschaftlich und politisch sensibles Zukunftsthema war über Jahre von verhärteten öffentlichen Auseinandersetzungen geprägt. Politik, Wissenschaft, Landwirtschaft, Industrie und NGOs vertraten unterschiedliche Positionen, die über Medien und öffentliche Debatten zunehmend emotionalisiert wurden.
Das gegenseitige Misstrauen war groß. Teilweise kommunizierten die Stakeholder kaum noch direkt miteinander, sondern über die Öffentlichkeit und die Presse. Gleichzeitig wuchs der öffentliche Druck, zu einer tragfähigen Lösung zu kommen.
Das zuständige Ministerium entschied deshalb, gemeinsam mit allen relevanten Stakeholdern eine Zielrichtung zu erarbeiten. Workshops, World Cafés und Befragungen waren bereits eingesetzt worden. Nun sollte ein Zugang gefunden werden, der nicht erneut bei den bekannten Positionen ansetzte.
Der impliZ-Auftrag
Eine besondere Herausforderung bestand darin, überhaupt wieder eine gemeinsame Arbeitsgrundlage herzustellen. Die Stakeholder waren teilweise stark zerstritten und auf ihre jeweiligen Positionen fokussiert.
impliZ führte deshalb zunächst getrennte Erhebungen mit den unterschiedlichen Stakeholdergruppen durch. Zuvor wurden Thema und Kontext gemeinsam mit dem Auftraggeber eingegrenzt.
Die Ergebnisse wurden anschließend über alle Gruppen hinweg verdichtet und anonymisiert in einer mentalen Landkarte zusammengeführt. Damit entstand erstmals eine gemeinsame Unterlage, in der keine einzelne Interessengruppe dominierte und auf deren Grundlage alle Beteiligten weiterarbeiten konnten.
→ Wie impliZ implizites Wissen erschließt und für Organisationen nutzbar macht
[Link zu „Wie wir arbeiten“]
Was zugänglich wurde
Auch in diesem Beispiel wirkt das Ergebnis im Nachhinein einfacher, als der Weg dorthin gewesen war. Die Beteiligten hatten jahrelang miteinander und übereinander diskutiert. Trotzdem war ihnen nicht zugänglich, welche Bedeutungen die jeweils anderen mit zentralen Begriffen verbanden.
Die Erhebung zeigte: Die Ziele lagen teilweise wesentlich näher beieinander, als die öffentliche Auseinandersetzung vermuten ließ.
Begriffe wie Verantwortung, Nachhaltigkeit, Innovation und Zukunft wurden von den verschiedenen Gruppen unterschiedlich verstanden. Teilweise verwendeten sie dieselben Worte und verbanden damit unterschiedliche Bedeutungen – teilweise verwendeten sie unterschiedliche Worte für Vorstellungen, die sich in wesentlichen Punkten ähnelten.
Dadurch waren Fehlinterpretationen, gegenseitige Unterstellungen und Blockaden entstanden.
Mit der Erschließung des impliziten Wissens wurde erstmals unterscheidbar, wo tatsächlich Interessengegensätze bestanden – und wo vermeintliche Gegensätze aus unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen entstanden waren.
Von der Erkenntnis zur gemeinsamen Strategie
Die mentale Landkarte bildete anschließend die Grundlage für die gemeinsame Arbeit.
Rund 100 Stakeholder kamen an einem Tag in einem Spiral-Café zusammen. Sie erhielten zunächst Einblick in die zuvor gewonnenen und anonymisierten Erkenntnisse und arbeiteten auf dieser gemeinsamen Grundlage daran weiter, wie eine tragfähige gemeinsame Strategie aussehen könnte.
Der entscheidende Unterschied zu den vorherigen Dialogformaten: Die Beteiligten begannen nicht erneut mit ihren bekannten Positionen. Ausgangspunkt war das zuvor erschlossene Wissen aller Stakeholdergruppen – einschließlich der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Bedeutungen hinter ihren Positionen.
Die Wirkung
Aus der über Jahre polarisierten Auseinandersetzung entstand eine gemeinsame Strategie, die erstmals auch öffentlich kommuniziert werden konnte.
Die gegenseitigen Vorwürfe, die zuvor immer wieder über die Presse ausgetragen worden waren, konnten beendet werden. Aus der gemeinsamen Strategie entstanden beschlussfähige Vorlagen für das Parlament. Erste darin entwickelte Punkte wurden anschließend umgesetzt.
Fazit
Jahrelange öffentliche Diskussionen hatten die Positionen der Beteiligten immer deutlicher gemacht – die Bedeutungen dahinter jedoch nicht.
Erst die Erschließung des impliziten Wissens machte erkennbar, wo tatsächliche Interessengegensätze bestanden und wo die Beteiligten näher beieinanderlagen, als ihre öffentliche Auseinandersetzung vermuten ließ.
Aus Positionen, die sich über Jahre gegenseitig blockiert hatten, wurde damit wieder gemeinsames Handeln möglich.
